Julius Bürger

Ein Wiener Komponist kehrt zurück

Hintergrund

Am 9. Juni 2026 findet im Großen Sendesaal des Radio Kulturhaus in Wien mit einem großen Orchesterkonzert die musikalische Wiederentdeckung des Komponisten Julius Bürgers statt. In Zusammenarbeit mit Exilarte und der Eva und Howard Nacht Foundation wird das Konzert des Orchester Divertimento Viennese unter der Leitung von Vinzenz Praxmarer auch live aufgezeichnet und als CD produziert. Damit soll der Name Julius Bürger kein unbekannter bleiben, sondern ins kulturelle Gedächtnis seiner Geburtsstadt und seines Heimatlandes zurückgeholt werden.


In Wien geboren und aufgewachsen, wurde Julius Bürger stark von der kulturellen Vielfalt der Stadt geprägt. Es war die Zeit, in der Gustav Mahler, Alexander Zemlinsky, Arnold Schönberg und Franz Schreker das musikalische Leben bestimmten. Früh zeigte sich Bürgers außergewöhnliches Talent, das ihn an die Universität Wien und später an die Hochschule für Musik führte, wo er bei Franz Schreker – einem der einflussreichsten Lehrer der Zeit – Komposition studierte.

Schon in seinen frühen Werken verband Bürger spätromantische Klangfülle mit einer klaren, von der Neuen Sachlichkeit beeinflussten Struktur. Er gehörte damit zu jener Generation, die zwischen Tradition und Moderne, zwischen emotionalem Ausdruck und formaler Präzision ihren eigenen Weg suchte. Neben seiner Tätigkeit als Komponist bildete sich Bürger auch als Dirigent aus – eine Doppelbegabung, die ihn bald an bedeutende Bühnen führte. Nach frühen Engagements in Karlsruhe und an der Berliner Krolloper arbeitete er in den 1920erJahren an der Metropolitan Opera in New York, wo er als Assistent von Artur Bodansky wirkte.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 und dem anwachsenden Antisemitismus sah sich Bürger gezwungen, Deutschland zu verlassen. Nach einer Zwischenstation in Wien und Paris emigrierte er 1938 endgültig in die Vereinigten Staaten. Dort begann er eine zweite Karriere, zunächst als Arrangeur für die BBC und später für das Columbia Broadcasting System (CBS) in New York. Trotz der oft prekären Lebensumstände blieb Bürger seiner kompositorischen Arbeit treu. Viele seiner Werke – darunter Lieder, Orchesterstücke und Ballette – entstanden im Exil und spiegeln die Erfahrungen eines entwurzelten, aber unbeirrbaren Künstlers wider.

Bürgers Musik steht in enger Verbindung mit der österreichischen Tradition der Jahrhundertwende: der expressiven Tonsprache Mahlers, der farblich dichten Harmonik Schrekers und der melodischen Sensibilität Korngolds. Seine Lieder und Orchesterwerke zeichnen sich durch eine unverkennbare Mischung aus spätromantischem Pathos, impressionistischer Farbigkeit und moderner Klarheit aus. Besonders die Werke der späten Jahre, komponiert nach seiner Pensionierung an der Metropolitan Opera, offenbaren eine berührende Rückschau auf seine Wiener Wurzeln – etwa im „Goodbye, Vienna“, das als eine Art musikalisches Vermächtnis verstanden werden kann.

Gerade dieser Rückbezug auf Wien bildet eine inhaltliche Brücke zu jener künstlerischen Arbeit, der sich das Orchester Divertimento Viennese in den vergangenen Jahren mit großem Engagement gewidmet hat. Unter der Leitung von Vinzenz Praxmarer verfolgt das Ensemble eine programmatische Linie, die sich der Wiederentdeckung und Neubewertung österreichischer Komponisten der Spätromantik und frühen Moderne verschrieben hat – darunter Werke von Alexander Zemlinsky, Franz Schreker, Erich Wolfgang Korngold, Erich Zeisl, oder Karl Weigl. Julius Bürger fügt sich in diese Reihe als ein zu Unrecht vergessener, aber zentraler Vertreter dieser Epoche ein. Seine Biografie, die mit Wien untrennbar verbunden ist, und seine Musik, die von der dortigen Klangtradition durchdrungen bleibt, machen ihn zu einer authentischen Stimme jener Generation, deren Schaffen durch Vertreibung, Exil und kulturelles Vergessen lange Zeit verstummte.

Die Aufführung seiner Werke durch ein in Wien ansässiges Orchester trägt eine besondere symbolische Bedeutung: Sie bringt die Musik eines vertriebenen Wiener Künstlers dorthin zurück, wo sie einst ihren Ursprung nahm. In diesem Sinne versteht sich das Orchester Divertimento Viennese als musikalischer Botschafter einer Stadt, die ihre Geschichte nicht nur bewahrt, sondern auch kritisch reflektiert. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Julius Bürger und seinen Zeitgenossen wird so zu einem Akt kultureller Rückgewinnung – einer Wiederverknüpfung abgerissener Traditionsfäden, die das Ensemble durch seine konsequente Programmgestaltung zu einem lebendigen roten Faden gemacht hat.

Dieser Ansatz – die Verbindung von musikalischer Exzellenz, wissenschaftlicher Recherche und kulturhistorischer Verantwortung – verleiht dem Julius-Bürger-Projekt einen besonderen Stellenwert innerhalb der österreichischen Musiklandschaft. Das Orchester und sein künstlerischer Leiter tragen damit nicht nur zur Verbreitung und Neuinterpretation des Œuvres Bürgers bei, sondern verleihen der Wiener Musiktradition des frühen 20. Jahrhunderts eine zeitgenössische Stimme. Jede Aufführung wird so zu einer Wiederbegegnung mit einem Teil österreichischer Identität, der im Exil überlebt hat und nun in Wien, seiner ursprünglichen Heimat, wieder erklingt.

Erst in den letzten Jahren seines Lebens erlebte Julius Bürger die Wiederaufführung seiner eigenen Werke. Mit Unterstützung des Juristen Ronald Pohl, des Produzenten Michael Haas und des Exil.Arte Zentrums der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien - wurde ein Teil seiner Werke 2023 durch das ORF Radio-Symphonieorchester Wien wieder zur Aufführung gebracht.

Die Auseinandersetzung mit Julius Bürgers Musik bedeutet daher mehr als eine historische Rekonstruktion: Sie ist ein Beitrag zur Wiederherstellung eines kulturellen Gedächtnisses, das untrennbar mit der Stadt Wien verbunden ist. Bürgers Werke zeugen von der künstlerischen Kraft einer Epoche, die trotz Bruchs und Exils ihre ästhetische und humanistische Haltung bewahrte – und deren Wiederentdeckung durch Ensembles wie das Orchester Divertimento Viennese für das österreichische Musikleben von bleibender Bedeutung ist.


Programm

Werke von Julius Bürger


Orchester Divertimento Viennese 
Thomas Hampson, Bariton
Josipa Bainac, Mezzosopran
Vinzenz Praxmarer, Dirigent


Dienstag, 09. Juni 2026 um 19:30 Uhr

ORF RadioKulturhaus/ Großer Sendesaal
Argentinierstraße 30A
1040 Wien

Ticketreservierungen ab 01. April im RadioKulturhaus Kartenbüro (im Eingangsbereich Großer Sendesaal)



Telefon: +43 1 / 501 70-377
E-Mail: radiokulturhaus@orf.at
Öffnungszeiten:
Mo. – Fr. von 16:00-19:00 Uhr
Sa., So. und feiertags geschlossen
(Bei Veranstaltungen öffnet die Kassa 60 Minuten vor Beginn der Veranstaltung)